Text: STORYTELLER/MH - Foto: Archive
Was wäre geworden, wenn John William Baldry, den alle nur Long John nannten, an jenem kalten Winterabend im Jahr 1964 auf dem Londoner Bahnhof Twickenham Station nicht so genau hingehört hätte? Wer von uns würde dann heute hier sitzen und sich mit einem gewissen Roderick David Stewart aus Highate, London überhaupt beschäftigen? Aber zum Glück hatte Long John sehr gut hingehört an diesem Abend und erlauschte wohlklingende Töne aus einer Mundharmonika.
Baldry, der sich gerade auf dem Heimweg von einem Konzert befand, wartete auf der Twickenham Station auf den Zug. Es war ein langer Abend gewesen, aber Long John hatte ihn genossen und eine Reihe guter Songs gehört. Die Melodien der letzten Stunden leicht vor sich hinsummend setzte sich der damals 23-Jährige auf eine Bank. Kaum ein Mensch bevölkerte zu dieser späten Zeit den Bahnhof. Es herrschte fast gespenstische Ruhe, die nur ab und an durch den Wind unterbrochen wurde, der durch den Bahnhof rauschte.
Auf einmal war da ein anderes Geräusch, eine Art Summen, recht melodisch, aber nur ganz leise. Long John hob den Kopf und versuchte zu erkunden, woher dieses Geräusch kam. Er schaute sich um, stand von seiner Bank auf und ging dem Geräusch entgegen, das sich – je näher Baldry kam – zum Sound einer Mundharmonika entwickelte. Und dann sah er ihn, den jungen Mann, der ebenfalls auf einer der Bahnhofsbänke saß und beide Hände vor sein Gesicht hielt, ab und zu leicht hin und her bewegend. Das Geräusch stellte sich alsbald als der Song Smokestack Lightning von Howlin' Wolf heraus.
Baldry spitzte mehr und mehr die Ohren. Es gefiel ihm, was der junge Mann mit seiner Mundharmonika anstellte. Man kam ins Gespräch und ging ein paar Meter gemeinsam des Weges.
Long John war zu dieser Zeit bei den Hoochie Coochie Men und engagierte den jungen Roderick für 35 Pfund Wochenlohn als Background-Sänger.
„Wenn man bedenkt, wie mein Mundharmonikaspiel damals war, Long John muss betrunken gewesen sein“, lachte Rod viele Jahre später, als er sich an diesen Abend erinnerte. „Oder ich, aber ich spielte besser als je zuvor“.
Wie auch immer, dieses Ereignis, war jedenfalls der Start dieser grandiosen Karriere, die bis heute andauert. Jeder Rod-Stewart-Fan auf dieser Erde muss Long John Baldry auf ewig dankbar sein, dass er damals, im Winter 1964 so genau hingehört hat.
Und eben jener John William Baldry verstarb heute vor 21 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung.
Natürlich hat Rod seinen Entdecker und Förderer bis heute nicht vergessen. „Ich verdanke Long John so viel, er hat mich entdeckt und machte aus mir einen Sänger und Entertainer. Ich liebte ihn, solange er lebte, und war am Boden zerstört, als er starb. In meiner Brieftasche trage ich sein Foto mit mir herum, und ich sage euch, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an den Kerl denke“, schrieb Rod 2012 in seiner Autobiografie.
Nicht nur Rod, sondern wir alle, haben Long John Baldry so unendlich viel zu verdanken. Wie gesagt, ohne ihn würden wir heute höchstwahrscheinlich alle nicht hier sitzen und zu Rods Alben und Musik lauschen. Long live Long John!
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